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"Wer keine Kuh hat, hat kein Auskommen"

20 Jahre Schulpartnerschaft
Medininku Sv. Kazimiero gimnazjia   Medininkai/Litauen – Gemeinschaftsschule Weil im Schönbuch


Im letzten Winter waren es zwanzig Jahre, dass der Journalist Klaus Bachmann einen Artikel in der Stuttgarter Zeitung schrieb, von dem er nicht ahnte, welche Folgen er haben sollte. „Wer keine Kuh hat, hat kein Auskommen“ so lautete der Titel des Artikels. K. Bachmann war auf dem Weg nach Weißrussland, als er mit einer Autopanne bei Schnee und Eis in dem kleinen Grenzdorf Medininkai, 2 km vor der Grenze nach Weißrussland, stecken blieb und bei Mönchen in einem kleinen Kloster Unterkunft fand. Die Folge dieser Begegnung führte zu diesem Artikel.  Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion brachten die Auflösungen der Kolchosen und die Währungsreform der Bevölkerung vor allem auf dem Land Arbeitslosigkeit und Armut. In Breitenstein las Jörg Lehmann den Artikel von K. Bachmann. Von seiner Betroffenheit bis zur Gründung des Vereins „Breitenstein hilft Medininkai“ war es dann nur ein Schritt und nach wenigen Wochen fuhr der erste Lastwagen mit Hilfsgütern ins Dorf. Es sollten noch eine ganze Reihe von Transporten folgen.

Bereits 1998 wurde parallel zu den Hilfstransporten die erste Schülergruppe eingeladen und in den Familien der ca. 30 Vereinsmitglieder untergebracht. Dieser erste Besuch, bei dem die Schüler auch stundenweise Gäste in der Weilemer Schule waren, war der Beginn einer Partnerschaft, die bis zum heutigen Tag Bestand hat. 2006 fuhr die erste Schülergruppe aus Weil im Schönbuch nach Medininkai, damals noch eine 26stündige Zugfahrt. Auch jetzt zu den Feierlichkeiten zum 20. Partnerschaftsjubiläum flog wieder eine Schülergruppe nach Litauen, begleitet von Rektorin A. Pfizenmaier und den sich mittlerweile im Ruhestand befindenden Betreuern der „1. Stunde“ K.H. Hartmann und G. Sänger. Zum eigentlichen Festakt am 5.10. wurde die Gruppe ergänzt durch Bürgermeister Lahl, einigen ehemaligen Mitgliedern des früheren Vereins „Breitenstein hilft Medininkai“ und ihrem Vorsitzenden J. Lehmann. Ganz besonders stolz waren die Teilnehmer darauf, dass es ihnen gelungen war, den Journalisten K. Bachmann ausfindig zu machen und einzuladen. Eine größere Anzahl der mittlerweile längst erwachsenen litauischen Schüler der 1. Gruppe erzählten von ihren Eindrücken damals in Breitenstein. „Seien sie stolz auf ihren Artikel Herr Bachmann!“, sagte Aljona P., selbst Mitglied der 1. Schülergruppe und bis auf den heutigen Tag engagiert in der Schulpartnerschaft. Der Journalist und heutige Professor für neuere Geschichte an einer Universität in Warschau war sichtlich beeindruckt von dem, was damals begann und sich heute zu einem festen Austausch für beide Schulen entwickelt hat. „Es ist gut, und kommt doch so selten vor, dass eine journalistische Arbeit Folgen hat.“, so kommentierte er selbst die 20 Jahre Partnerschaft.

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Die Festveranstaltung zog sich lange hin, musste doch je nach Redner/Rednerin   
übersetzt werden, wenn nicht gleich in Englisch gesprochen wurde. Iraida Vlasova,
Lehrerin der Schule in Medininkai und in all den Jahren verlässliche Dolmetscherin
für beide Seiten leistete wieder einmal Großes.

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Nachdem K.H. Hartmann in einer Powerpoint-Präsentation nochmals die              Geschichte der Partnerschaft Revue passieren lies, wiesen  die Rektorinnen            Annette Pfizenmaier und Mecislava Petruvic auf die Bereicherung hin,  Schulen hin,        die durch die gemeinsamen Kontakte entstanden sind. Dies wurde durch
kurze Beiträge der deutschen Gastschüler unterstrichen, die darauf hinwiesen, welchen Gewinn welchen Gewinn für sie diese Reise hat, verbrachten sie doch gerade  wieder
eine Woche mit vollem Programm in Unterricht, Workshops und Ausflügen
gemeinsam mit ihren Gastgeschwistern.
Bürgermeister Lahl ebenso wie die Bürgermeisterin von Medininkai
beteuerten in ihren Reden den Respekt vor der geleisteten Arbeit und
die Hoffnung auf eine Fortführung des gemeinsamen Weges.

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Auch Jörg Lehmann drückte seine Freude aus darüber, was so spontan begann und dann weite Kreise zog. Sehr erfreut und dankbar zeigte sich die Schule in Medininkai über ein gemeinsames Geldgeschenk der Gäste. Mit ihm soll ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung gehen, der einen gemeinsamen Ausflug aller 105 Schüler der Schule mit ihren Lehrkräften ermöglicht, denn noch immer gibt es im Dorf Familien, die ihren Kindern so etwas nicht bieten können.
Nach der dreieinhalbstündigen offiziellen Veranstaltung, die von Schülern der Schule in Medininkai moderiert und mit Tanz- und Musiknummern begleitet wurden, endete der 1. Teil des  Festaktes. Im einzigen Cafe/Restaurant des Dorfes wurde nun weiter gefeiert, gegessen, Toasts ausgesprochen und sich unterhalten (ein nicht immer einfaches Unterfangen).

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Ein im wahrsten Sinne des Wortes brillanten Abschluss brachte dann noch eine
Überraschung. Alle Gäste wurden aufgefordert sich im Hof zu versammeln und
wenngleich sich der sonst so wunderbare Sternenhimmel über Medininkai an
diesem Abend hinter Wolken versteckte, so schien er  plötzlich durch ein
fantastisches Feuerwerk in Szene gesetzt.              

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Im nächsten Jahr soll zeitgleich mit dem Besuch der litauischen Schüler das gemeinsame Jubiläum in Weil im Schönbuch gefeiert werden.

     



Besuch in Litauen 2014


Partnerschule

VILNIAUS R. MEDININKUS SV:KAZIMIERO VIDURINÉSMOKYKLOS
IR VOKIETIJOS MOKYKLOS WEIL IM SCHÖNBUCH

DIE MITTELSCHULE DES HEILIGEN KAZIMIRAS IN MEDININKAI; VILNIUS REGION
UND DIE GRUND- UND WERKREALSCHULE WEIL IM SCHÖNBUCH

haben am 17. April 2008 nach einigen Jahren des freundschaftlichen Austausches einen Schulpartnerschaftsvertrag unterzeichnet. Darin wurde beschlossen

1. gemeinsame Veranstaltungen zu organisieren.
2. die Zusammenarbeit zu pflegen und zu koordinieren.
3. gemeinsame Projekte für die Schüler durchzuführen.
4. bei Besuchen die Regeln der anderen Seite anzuerkennen und zu beachten.
5. ausführliche Informationen über die Arbeit der Schulen den Schülern zu geben.


In Gesprächen kommt immer wieder die Frage auf: „Wie kommt es, dass ihr eine Partnerschaft mit einem kleinen Ort in Litauen habt?“ Diese Frage ist sehr berechtigt.

Grund der Partnerschaft war ein Zeitungsartikel in Jahre 1997, in dem die menschlich katastrophalen Verhältnisse in dem kleinen Ort Medininkai in Litauen an der weißrussischen Grenze beschrieben wurde. Ein Bürger unserer Gemeinde hat sich vergewissert, ob der Bericht stimmt und sah sich nach der Bestätigung innerlich genötigt, den Menschen vor Ort zu helfen. Er gründete den Verein: „Breitenstein hilft Medininkai“. Schnell hat der Initiator erkannt, dass besonders den jungen Menschen eine Zukunftsperspektive eröffnet werden muss. Sein Anliegen war, die beiden Schulen zusammen zu führen.
Bereits im Jahr 1998 kamen die ersten Schülerinnen und Schüler zu uns nach Weil und besuchten dabei auch unsere Schule. Die Begegnungen verliefen zunächst etwas schleppend, bis der Wunsch aufkam, dass auch Schülergruppen von unserer Schule nach Medininkai wollten. So kam es 2006 zu einer ersten Reise deutscher Schüler nach Medininkai. Daraus entwickelte sich für den Austausch eine gewisse Dynamik. Jährliche Begegnungen sowohl in Medininkai als auch in Weil standen auf dem Jahresplan


Bild Partnerschule



100 Jahre St. Kazsimirschule in Medininkai

In der letzten Woche folgte eine Gruppe aus Weil/Breitenstein der Einladung der Partnerschule in Medininkai/Litauen zur Feier ihres 100 jährigen Schuljubiläums.
Der Zeitpunkt für den Festakt wurde mehrfach verschoben, weil es nicht so einfach war, alle für ein solches Fest wichtigen Personen zusammenzubekommen. Dies war letztlich auch der Grund dafür, dass die Delegation aus Weil/Breitenstein zwar nur kurzfristig, aber dennoch intensiv an diesem Fest teilnehmen konnte. Am Mittwochabend stiegen Jörg Lehmann, Initiator des Vereins „Breitenstein hilft Medininkai“ (der Verein hat seine Arbeit zu Beginn dieses Jahres nach 10 jähriger Tätigkeit erfolgreich abgeschlossen), Ulla Lehmann, Helmut Holzapfel und Brigitte Kittel als ehemalige Mitarbeiter des Vereins sowie Karl-Heinz Hartmann und ich als Vertreter der Schule in den Flieger nach Kaunas. Lech, der Besitzer des Magazins (das ist ein kleiner Laden im Dorf, in dem es nahezu alles zu kaufen gibt, was man im Alltag braucht) holte uns mit seinem Bus am Flughafen ab und brachte uns nach Medininkai. Um Mitternacht kamen wir bei unseren Gastfamilien an. Man kannte sich und wurde entsprechend vertraut herzlich begrüßt. Das ganze Dorf schien in Vorbereitung auf das große Jubiläumsfest beschäftigt zu sein.
Am Donnerstag nun der erste Besuch in der Schule. Wir kannten sie schon - Maria, ein altes Mütterchen - deren wesentliche Aufgabe darin besteht zu Beginn und Ende jeder Stunde die Schulglocke zu läuten. Sie saß noch immer an ihrem Platz im Eingangsbereich und grüßte uns mit dem vertraut freundlichen Lächeln. Wir waren angekommen!
Eine summende Geschäftigkeit schlug uns entgegen. Überall fanden die letzten Proben für Tänze, Gesänge und Gedichtvorträge statt, Dokumentationen wurden in den Fluren aufgehängt, uns wurde der neue Schaukasten zur Schulpartnerschaft gezeigt.
Für den Vormittag war ein Treffen mit der neuen Direktorin der Schule vorgesehen.
Ihr war es ein großes Anliegen, auch unter ihrer Leitung die Schulpartnerschaft fortzuführen. Sie hatte dazu einen Vertrag vorbereitet, der von Herrn Hartmann und ihr unterzeichnet wurde.

Vertragsunterzeichnung


Bei einer Tasse Tee erfuhren wir, dass bei unserem nächsten Besuch mit Schülern eine 3tägige Reise durchs Land bis an die Ostseeküste und auf die Halbinsel der Kurischen Nehrung geplant ist – zweifellos ein großes Erlebnis! Wir werden erwartet und das freut uns!
Der Nachmittag war für ein Treffen mit den Landfrauen reserviert. Sie sind eine Gruppe von 11 Frauen, die sich nach dem Vorbild der hiesigen Landfrauengruppen zusammengefunden haben, um für sich und andere das kollektive Dorfleben mitzugestalten. Sie nutzen für ihre Treffen das Kulturhaus des Dorfes, das mit großer materieller Unterstützung des Vereins „Breitenstein hilft Medininkai“ fertig gestellt wurde. Ein liebevoll gedeckter Tisch mit süßen und herzhaften Leckereien empfing uns. Nachdem man sich mit erhobenen Gläsern zugesprochen und die Frauen dazu ein Lied gesungen hatten, berichteten sie von ihren Planungen für das Treffen in Medininkai mit den hiesigen Landfrauen bei deren Reise in diesem Jahr. Die Kommunikation wurde nun etwas mühsamer. Editha, eine Schülerin der 12. Klasse begleitete uns. Da sie kein Deutsch spricht, waren unsere Englischkenntnisse gefordert. Man könnte meinen, dass darin das Geheimnis der ungeschminkten Gespräche liegt. Die Sprache wurde auf das Wesentliche reduziert und prägte wohl deshalb diese Begegnung mit Wärme und Herzlichkeit.
Am Freitag nun der große Festtag. Um 14.00 Uhr war der Beginn mit einem Gottesdienst geplant. Schülerinnen und Schüler in traditioneller Tracht trugen die Standarte des Heiligen Kaszimir in die kleine helle Holzkirche des Dorfes. Man wartete. Die Schüler einer Gesangsgruppe für den Gottesdienst hatten sich verspätet, weil der Bus nicht planmäßig fuhr. Niemanden schien das zu stören und so fing der Gottesdienst mit einer halbstündigen Verspätung an. Alle Schüler standen während der ganzen Zeit und auch diejenigen, die spät kamen und deshalb keinen Platz mehr fanden, harrten auf ihren Plätzen aus. In der Predigt, so erfuhren wir später von Nijole, die hier für uns übersetzte, sprach der Pfarrer sehr direkt die Lehrer, die Eltern, aber auch die Vertreter der Schulbehörden ebenso wie die anwesenden politischen Vertreter darauf an, ihre Aufgaben in der Erziehung wahrzunehmen.

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In einem feierlichen Zug folgte nach dem Gottesdienst die gesamte Festgemeinde den Schülerinnen und Schülern angeführt wiederum von der Schulstandarte zurück zur Kirche. Da in diesem Zug auch der Vorsitzende der Polnischen Partei in Litauen, ein Vertreter der polnischen Botschaft und die Bürgermeisterin des Gesamtbezirks Vilnius gingen, wurde der Zug auch von mehreren Pressefotografen begleitet. Der feierliche Einzug in die Schule war für uns ungewöhnlich. Stehend und zur Musik der Nationalhymne versammelten sich die Gäste in der festlich geschmückten Turnhalle.

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Dies war also der Beginn einer Festveranstaltung, die den gesamten Nachmittag andauerte und, dies sei gleich vorausgeschickt, bei unserer Abreise um 19.00 Uhr noch nicht beendet war. Die Liste der geladenen Gäste war lang und reichte von den bereits erwähnten politischen Vertretern aus Vilnius über Mitglieder der Schulbehörde, ehemaligen Schülern, dem Pfarrer und Mönch des Klosters, dem Bürgermeister des Dorfesbezirkes Medininkai, dem für den Bezirk zuständigen Parlamentsabgeordneten, unserer Delegation und sämtlichen ehemaligen und jetzigen Mitarbeitern der Schule. Eine große Reihe von Ehrungen einzelner ehemaliger und jetziger Mitarbeiter sowie Grußworte und Glückwünsche der geladenen Gäste wechselten mit Darbietungen von Schülergruppen in Form von Gedichtvorträgen, traditionellen und modernen Tänzen, Liedern und Instrumentalvorspielen.

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Auch Herr Lehmann und Herr Hartmann überbrachten Glückwünsche und dazu ein vom Ehepaar Grimmel aus Weil im Schönbuch gestaltetes Bild der Partnerschaft, welches bei dieser Gelegenheit entrollt und mit viel Applaus bedacht wurde.

Unmittelbar vor unserer Abreise, die Kolleginnen und Kollegen trugen gerade mehrere Lieder vor, durften wir uns noch am Büffet stärken. Jetzt wussten wir, warum in den letzten Tagen so viel gearbeitet wurde. Die Tische schienen sich zu biegen unter den Köstlichkeiten, die von allen MitarbeiterInnen der Schule für dieses Essen zubereitet wurden. Wir sollten uns bedienen, nahmen aber nur vorsichtig ein paar Kleinigkeiten, um das wunderbare Bild nicht zu zerstören. „Nach dem Festakt essen wir und dann gibt es Musik und Tanz bis wir nicht mehr mögen“, sagte Ira Vaslova uns am Morgen. Auf dem Rückflug dachten wir daran, wie schön es wäre, wenn wir auch da noch dabei gewesen wären.

Gertrud Sänger



mm09.02.14